Die große Black Box

Was heißt Digitalisierung eigentlich? Und was beinhaltet es alles? Klar ist: Es geht vor allem um Infrastruktur wie Rechenzentren, Glasfaserkabel und Mobilfunknetze sowie um Hardware, die von den Nutzer:innen verwendet wird – Computer, Laptops, Smartphones oder Tablets -, um (Medien)Produkte zu konsumieren. Die Herstellung und der Betrieb dieser Geräte und Infrastruktur haben erhebliche Auswirkungen auf die Umwelt.

Eine Untersuchung von The Shift Project, einem französischen Think Tank, der sich mit eine Zukunft jenseits der fossilen Energieträger beschäftigt, zeigt, dass etwa vier Prozent der globalen CO2-Emissionen auf die Digitalisierung zurückzuführen sind. Das entspräche etwa den Emissionen des gesamten Flugverkehrs. Durch das anhaltende digitale Wachstum, insbesondere in den Schwellenländern, wird dieser ökologische Impact voraussichtlich weiter wachsen. Nun entfällt lediglich ein Bruchteil davon auf Medienproduktion. Doch da insbesondere der Betrieb der digitalen Infrastruktur, allen voran Rechenzentren und Datentransport, mehr als die Hälfte des Energieverbrauchs der Digitalisierung ausmachen (und einer Studie zufolge allein auf Rechenzentren inzwischen 1 Prozent des globalen Energiebedarfs entfällt), befinden sich hier besonders große Hebel für eine(n) ökologischere(n) Produktion und Konsum.

Wie viel Treibhausgasemissionen die Produktion, das Streaming und das Speichern digitaler Medienprodukte allerdings konkret verursacht, darüber weiß momentan kaum jemand Bescheid. Einer der wenigen ist der schwedische IT-Spezialist Anders Andrae. In seiner Studie New perspectives on internet electricity use in 2030 listet er beispielsweise auf, wie hoch der Energieverbrauch im Internet für die einzelnen Teilbereiche schätzungsweise ist:

  • Nutzung von Endgeräten: ~52 Prozent (davon sind 25 Prozent wiederkehrende Besucher und 2 Prozent für das Laden von Inhalten)
  • Hardwareproduktion: ~19 Prozent (Energie, die bei der Herstellung von Sensoren und Computer-Chips, der Nutzung von Rechenzentren und Netzwerken anfällt
  • Rechenzentren: ~15 Prozent
  • Datenübertragung: ~14 Prozent

Auch wenn Andraes Arbeit ein sehr guter Anfang ist und es ähnliche Ansätze gibt, besteht in der Forschungsgemeinschaft noch kein Konsens darüber, was wie erhoben, vereinheitlicht und gewichtet werden kann. Oftmals wird etwa die Klimabilanz der genutzen Landflächen und Wassermengen für die Rechenzentren nicht einkalkuliert. Das Team um die US-amerikanische IT-Expertin Renee Obringer beziffert etwa die Internetnutzung mit einem CO2-Fußabdruck von 28 bis 63 g CO2-Äquivalent pro Gigabyte (GB), während der Wasser- und Landfußabdruck zwischen 0,1 und 35 Litern/GB bzw. 0,7 und 20 cm²/GB liegen.

 

In der Medienbranche äußert sich dies vor allem in Unwissen und Zurückhaltung. In den Gesprächen, die Keen Kreators bislang geführt hat – sei es mit Axel Springer, Bertelsmann oder der New York Times -, hieß es immer, die Erhebung stecke noch in den Kinderschuhen. Klar, wer konsequent auf Ökostrom setzt, Solarstrom (aus eigenen PV-Anlagen) bezieht und bei der Heizung und Kühlung der Server moderne Methoden und Strategien verwendet, der ist schon auf einem guten Weg.

Dennoch gibt es derzeit zwei zentrale Hürden:

  1. Die (In)Transparenz von Tech-Riesen wie Microsoft Azure, AWS oder Alphabet. Selbst auf Nachfrage bekamen Medienunternehmen, mit denen Keen Kreators gesprochen hat, keine Auskunft, wie die Klimabilanzen ihrer Server aussehen geschweige denn funktionieren. Und da die meisten Medienmarken in ihrer Digitalsparte auf externe Dienstleister zurückgreifen, sind dies zentrale Daten, die man für die eigene Klimabilanz unbedingt benötigt. Zwar haben die großen Unternehmen begonnen, ihre Energiequellen zu diversifizieren und vermehrt erneuerbare Energien zu nutzen, doch genau in die Karten blicken lassen sie sich nicht.
  2. Die fehlenden Schnittstellen zwischen den unzähligen Elementen, die bei der digitalen Medienproduktion, -ausspielung und -entsorgung involviert sind. Klimabilanzierung basiert auf kleinteiliger Datenerfassung, doch die funktioniert bislang nicht einheitlich und zuverlässig auf allen Ebenen. Expert:innen sagen, dies würde frühestens in mehreren Jahren möglich sein.

 

Nichtsdestotrotz gibt es, wie auch in anderen Bereichen, bestimmte Stellschrauben, an denen sich im Sinne einer ökologischeren Medienproduktion gedreht werden kann:

 

  • Grünes Hosting: Inzwischen bieten immer mehr Firmen umweltfreundliche Hosting-Optionen an. Auch Keen Kreators nutzt ein solches Angebot – von der Firma BioHost. Weitere solche Anbieter findest du hier. Du bist dir unsicher, welchen Strom deine Website nutzt? The Green Web Foundation kann dir das in Sekundenschnelle sagen – sodass du dann im Zweifel auf einen Ökostromanbieter umsteigen kannst.
  • Carbon Footprint-Tools: Spezialisierte Tools helfen, den CO2-Impact eines digitalen Produkts zu ermitteln. Keen Kreators nutzt dafür beispielsweise das Plug-in vom Website Carbon Calculator.
  • Life Cycle Assessment: Genauso wie für analoge Produkte, lassen sich auch digitale Produkte einer umfassenden Lebenszyklusanalyse unterziehen. Diese Untersuchung beinhaltet die Aspekte Rohstoffgewinnung, Herstellung, Transport, Nutzung und Entsorgung und sie bewertet dabei den Energieverbrauch, die Ressourcennutzung, Emissionen und andere Umweltaspekte.
  • Environmental Product Declaration: Die EPD ist eine standardisierte und international anerkannte Methode zur Kommunikation von Umweltauswirkungen von Produkten. Die EPD basiert auf den Richtlinien der ISO 14025-Norm und bietet eine transparente und vergleichbare Darstellung der Umweltleistung eines Produkts über seinen gesamten Lebenszyklus hinweg.
  • Nutzungsdauer: 80 Prozent des Energieverbrauchs eines Smartphones beispielsweise entfallen auf die Herstellung – nur 20 Prozent auf die tägliche Nutzung. Daher sollten wir alle unsere IT-Geräte so lange wie möglich nutzen und auch das Konzept „Reparatur“ wieder stärker in Betracht ziehen.
  • Faire Bedingungen: Wenn doch neu gekauft wird, achte auf nachhaltige und faire Produktionsbedingungen sowie die Möglichkeit, die Geräte reparieren zu lassen.
  • Internetnutzung: Spare Ressourcen, in dem du Kabelverbindungen gegenüber WLAN und WLAN gegenüber Mobilfunk, bevorzugst. Nutze öffentliche WLAN-Netzwerke, wenn sie sicher sind.
  • Vorsicht: Die Digitalisierung kann potenziell Ressourcen sparen, etwa durch Videokonferenzen anstelle von Flugreisen. Effizienzgewinne sollten jedoch vorsichtig betrachtet werden. Schließlich können sie zu einem erhöhten Einsatz von Geräten führen und so würden die erzielten Einsparungen wieder zunichte gemacht.

 

In der Praxis

Bislang konnte (oder wollte) kein Medienunternehmen, mit dem Keen Kreators gesprochen hat, plausibel darlegen, wie die hausinterne Bilanzierung digitaler Medieninhalte als ganzes funktioniert.

 

Laut The Green Web Foundation werden unter anderem die Webseiten dieser Medienunternehmen mit Ökostrom betrieben: Bild, Faz, Geo, Hamburger Abendblatt, Handelsblatt, LVZ, Science Notes, Stern, Welt.

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Eigentlich so einfach, dass es selbsterklärend ist.
Ohne UV-Trocknung und mit veganen Farben. Die wichtigsten Hebel, um deinen Druck möglichst ökologisch zu gestalten.